Wohin mit der Antenne?

Ein rosa Kindertisch. Direkt am Flussufer. Joghurt, Banane, Kreide und Saft. Ein Weltempfänger. Ruheplatz eines Funkamateurs? Dazu ein Frühstücksbrettchen mit Löffel und Noten. Telemanns Tafelmusik. - Documenta fifteen. Bunt und vielfältig. Es gilt, die kleinen Dinge zu entdecken. Wir machen einen Rundgang. Suchen einen Platz zum Funken und für die Antenne. Wer Lust hat, kann mitkommen.

Ob wirklich alles Kunst ist, was wir entdecken? Wir sind nicht ganz sicher. Als documenta-Gast muss man ja kein Kunstexperte sein. Manche Kunstwerke, sagen uns einfach nichts. Wir stehen verständnislos davor. Aber das ist keine Katastrophe. Anderes berührt und bewegt uns, spricht uns an. Documenta-Kunst ist nicht bitterernst und trocken sondern oft ziemlich witzig. An einem Tag kann man nicht alles sehen. Schon gar nicht mit Genuss. 100 Tage. Vieles werden wir verpassen. Wir haben aber einen guten Tipp, wenn ihr hingeht: Macht euch locker und sucht Gespräche mit den anderen Besuchern. Das macht Spaß.

Vor ein paar Tagen noch haben wir hier zugesehen, wie die Künstler um Taring Padi ihr Wimmelbild aufhängten. Ein Schild am Boden verweist inzwischen auf einen Komposthaufen. Das Bild am Gestell inzwischen pfui, abgebaut und weg. Fast. An seiner Stelle finden wir nur noch leere Paletten und Schrott. Schade. Wir wollten das Gestell gern als Antenne verwenden. Morsen ist schließlich auch Kunst. Jetzt müssen uns etwas Anderes suchen. Mal sehen ...

Das "Kohlemuseum" ist ein Ort der Begegnung und Reflexion. Aus einem Block mit abgepackten Briketts wird symbolisch die Form der Karlswiese herausgestanzt. Klimakrise. Die Kohle kommt ins Museum. Heizpreise steigen. Mit den anderen Besuchern sind wir uns einig: Das Kunstwerk wird hier als Ort der Begegnung ganz sicher nicht überwintern.

Die weiße westliche Welt trägt reichlich Schuld an Australiens Ureinwohnern. Die Schuldenuhr tickt nicht, sie rast. An der Galerie des Fridericianums. Und deswegen haben die Aborigines ihre Botschaft auf dem Friedrichsplatz aufgebaut. Botschaft im Doppelsinn?

Steampunk in der Karlsaue. Hmmm. Viel spannender finden wir das Klo gleich gegenüber. Kleines Geschäft unten und Sitz mit Papier und Wasserspühlung ganz oben bei bester An- und Aussicht. Kunst trifft menschliche Grundbedürfnisse. Ein guter Platz für unsere Antenne. Aber wer funkt schon gern auf dem Klo?

... this question (where ist the art?) is really happening ...
Das gilt sicher nicht nur für das Baustoff- und Leergutlager vor dem Kunsttempel sondern auch für den gesperrten Radweg.

Unterhalb der documenta-Halle finden wir eine Art Gemüsegarten. PAKGHOR - in Bangladesch eine traditionelle Küche auf dem Land. Brennpunkt des Familienlebens. Sitz- und Esszimmer zugleich. Platz nehmen, probieren, teilen, Rezepte mitnehmen. Ringsum hohe Bäume. Langdraht-Fantasien.

Am Hiroshima-Ufer, direkt an der Fulda genießen wir ein Luftbad. Ein öffentlicher Ort der Begegnung und Erholung. Kabinen aus Weiden geflochten bieten die Möglichkeit, sich umzuziehen zum Sonnen-, Luft- oder Wasserbaden. Wir sprechen mit den anderen Badelustigen und versuchen zu klären, ob der einsame Holzhaufen auch zum Kunstwerk gehört.

Die Allesbrücke. Auf dem Spielplatz haben wir, wie im Märchen, besondere Fähigkeiten: Wir können jeder und jede und überall sein, und wir schaffen den Rahmen des Spiels. In unserer Vorstellung springen wir über Gebäude. Gebäude folgen einer Anordnung. Wie Regeln. Gebäude, ja selbst Regeln können umgangen werden. Wie wäre es, wenn wir sie überspringen und unsere eigenen schaffen? Unsere eigenen Gebäude und neue Regeln. Gemeinsam.

Schwimmende Gärten und Floating System for Snails. Schneckenfähre. - Ein Garten, ein Boot und ein Warteraum am Ufer der Fulda. Das Boot fährt hin und wieder auf dem Fluss, ohne Passagiere zu befördern. Die im Warteraum Wartenden werden nie an Bord gehen können. QRV als "/mm"? Morsen im Schneckentempo?

Und zum Ende unseres Rundgangs heute ein Blick vom Rondell auf die Floraissance, die (noch) leeren Tische des Restaurants und auf schwimmende Kunst. - Vielleicht bauen wir hier demnächst unsere Antenne auf. Für Kaltgetränke wäre auf jeden Fall gesorgt.