Mit Löschfunkensender auf Borkum

25. April. Internationaler Marconi Day. Auf Borkum. An historischer Stätte feiern Funkamateure den Geburtstag des kommerziellen Seefunks. Jedes Jahr treffen sie sich dort zu besonderen Aktionen. Klaus, DF3GL, ist schon lange dabei und berichtet:

Wohl aufgrund seiner Nähe zu Poldhu, der früheren Marconi Company Großfunkstelle in England hatte der Cornisch Radio Amateur Club  vor langer Zeit die Idee einen „International Marconi Day“ auszuschreiben. Damit soll, jeweils um das Datum seines Geburtstages, den 25. April 1874, an den großen Funkpionier Guglielmo Marconi erinnert werden. Zu diesem Termin werden Stationen an Standorten aktiv, an denen Marconi „gewirkt“ hat. Irgendwann kam es zu einem Kontakt zwischen dem Cornisch Radio Amateur Club und dem DARC OV-Emden und ab 1988 wurde diese Event auch auf Borkum, zuerst unter DL0KBM, ab 1990 mit dem Sonderrufzeichen DA0IMD und im Jahr 2000 mit DQ0KBM zelebriert.

Borkum deshalb, weil dort am 15. Mai 1900 die Geschichte des kommerziellen Seefunks begann. An diesem Tag wurde mit einer Marconi-Station auf Borkum der Betrieb der ersten Küstenfunkstelle der Welt mit dem Rufzeichen KBM am elektrischen Leuchtturm aufgenommen. Von KBM aus wurde die Verbindung mit dem Feuerschiff „Borkum Riff“ gehalten, welches auf der gleichnamigen Außenposition vor Borkum lag und einlaufende Schiffe nun per Funk anmelden konnte, was für die Reedereien und den Hafen einen erheblichen Gewinn bedeutete.

Elke, DF3GL, Siegrun, DL1BEF, DG1BBU (v.l.n.r.)
Elke, DF3GL, Siegrun, DL1BEF, DG1BBU (v.l.n.r.)

Ich persönlich kam 1996 erstmals zum IMD nach Borkum. Funkfreund Hajo, DK2UO, war schon zwei Jahre zuvor dabei und hatte mich mitgenommen und dort eingeführt. Ausgerechnet Borkum. Nachdem ich als Kind eine traumatische Kinderferienverschickung nach Borkum überlebt habe, hatte ich mir geschworen diese Insel nie wieder zu betreten. Trotz Suchens danach konnte ich aber den Ort des alten Schreckens auf der Insel nicht wiederfinden. Im Gegenteil, mir hat es dort so gut gefallen dass ich seit dieser Zeit nicht nur regelmäßig zum IMD auf der Insel war. 2018 habe ich meine zweite Frau . wegen der ich nun ich Kassel leben muss ;-) - auf Borkum geheiratet. Über den IMD konnte ich viele Kontakte schließen und neue Freunde kennenlernen. Neben Anderen möchte ich hier speziell das Borkum-Insel-Urgestein „Atom“-Willy Byl, DL1PY + und den IMD-Organisator, Borkumer, Morsetasten- Kenner, Sammler und Bücherschreiber Gregor Ulsamer, DL1BFE, nennen.

Marconi Day auf Borkum 1997
Marconi Day auf Borkum 1997

In meinen ersten Jahren beim IMD war der Tag quasi eine Großveranstaltung. Wir waren teilweise 40 OM und einmal auch eine lizenzierte YL. Der Funkbetrieb wurde über mehrere Stationen abgewickelt, die auf der Insel verteilt waren. Dabei waren das Feuerschiff im Hafen auf der Reede, das Fischerheim am Außendeich, die Signalstelle und das Pegelhaus an der „Heimlichen Liebe“ genannt. Es gab auch immer wechselnde Standorte, die sich je nach Gelegenheit, z.B. in gemieteten Ferienhäusern, fanden.

WSA Borkum 1997
WSA Borkum 1997

Einer der Anreize für die AFU-Aktivität um den IMD waren natürlich auch die besonderen Rahmenbedingungen. Das riesige Gelände des WSAs in den Dünen am Meer mit teilweise schon vorhandenen kommerziellen Antennen, einem 80 m hohen Gittermast und einen, mit 40 m Höhe doch recht großen „kleinen Leuchtturm“, bot immer viel Platz für alle möglichen Experimente mit gewaltigen Drahtkonstruktionen. Es gab dort keine Probleme mit EMV, weder wurden wir dort gestört noch störten wir irgendwen. Ja, gelegentlich lösten wir mit unserer HF die Brandmeldeanlage aus, was aber kurzfristig nur einen Hausalarm mit viel Radau auslöste, der keine ernsthafteren Konsequenzen hatte wenn man schnell reagierte. Es gab dort Möglichkeiten, die die wenigsten Amateurfunker zuhause haben. So wurde mit Antennen für 160 m experimentiert. Ali Klüß, DF3BC, hatte dazu ein speziellen Antennentuner in eine Aschentonne aus Kunststoff gebaut.

 Für den Betrieb auf dem 80-m-Band wurde eine Drahtpyramide gespannt, die in der Hauptstrahlrichtung erhebliche bessere Ergebnisse brachte als der Vergleichsdipol. Auch der relativ kleine 3 Element Beam auf dem Dach der Signalstelle vollbrachte Erstaunliches. Die frei und offene „Sicht“ sowie der lockere, feuchte Untergrund sind schon recht optimale Bedingungen. Selbst der Unterschied im Wirkungsgrad einer normalen „FritzDummy4“ Antenne in 15-m-Höhe über einem Feuerschiff im Wasser, gegenüber derselben Antenne zuhause versetzt Om Waldheini in erstaunen. Auch von daher war der IMD auch immer ein besonderer Ort und ein besondere Erlebniss. Bei Karl Stegmann, dem frühere Leuchtturm Wärter und Herr der Anlage waren wir immer willkommen und sorgten für viel Abwechslung in seinem Job. Herzlichen Dank Karl es hat immer sehr viel Spaß gemacht bei und mit Dir.

Die Zentrale war lange Zeit der Betriebshof vom Wasser- und Schifffahrtsamt, am „Elektrischen“ Leuchtturm. Als Mitarbeiter des Amtes konnte uns Gregor, DL1BFE, die Nutzung dort ermöglichen. Auf diesem Gelände waren immer mehrere Stationen aktiv, dort war der Treffpunkt und dort konnten wir auch teilweise übernachten. Die Galerie des Leuchtturms und ihr Geländer waren Halter für die Parabolspiegels eine Mikrowellen- und der ATV-Station sowie der UKW-GPs. In den Dünen standen UKW-Yagis und für lange Drahtantenne war der damalige Mast neben dem Leuchtturm eine perfekte Basis.

Die Anreise zum IMD erfolgte überwiegend am Donnerstag und am Freitag wurde dann aufgebaut und das Equipment getestet. Der offizielle Start war ein gemeinsames Abendessen am Freitagabend, beim „Soliden Hein“, einem Lokal im Greune-Stee-Weg, welches unseren Andrang verkraften konnte und einen entsprechend langen, gemeinsamen Tisch für alle hatte.

Danach ging es an die Stationen und Samstag wurde möglichst von 0 bis 24 Uhr Betrieb gemacht. Die Aktivitäten waren generalstabsmäßig vorbereitet und der Funkbetrieb wurde durch einen Dienstplan geregelt. Als ich mich während einer Flaute auf dem 20-m-Band mal zum Eis essen abgesetzt hatte, bekam ich einen Anschiss weil die Station verlassen hatte. So kam es in den besten Zeiten auf über 3000 Verbindungen in allen Betriebsbarten. Abbau und Abreise waren meist hektisch, da die Reisezeiten durch den Fährfahrplan vorgegeben waren. Wer mit der späteren Fähre fahren konnte, trafen sich noch zum gemeinsamen Mittagessen im Lokal „Heimlichen Liebe“ am Südstrand. Eine finale Aktion war dann jeweils das Sortieren der QSL-Karten auf der Fähre. Die breitete sich über alle verfügbaren Tische auf dem Schiff aus und erzeugte bisweilen den Unmut anderen Passagiere.

Über die 25 Jahre, die ich nun dort teilnehme, gab es viele kleinere und größere Highlights, die ich hier nicht mehr alle aufzählen kann. Aber zwei IMDs sind mir in besonderer Erinnerung:

Der IMD 1998.In diesem Jahr bin ich mit meinem Wohnmobil nach Borkum gefahren und hatte dort die einmalige Gelegenheit in der Nähe vom Strand Café Seeblick, in den Dünen am Nordstrand campieren zu können. Dort standen noch die Reste eines Holländischen Navigationssystems, was schon vor längerer Zeit außer Betrieb genommen wurde. Davon waren noch die Antenne und ein Schaltkasten vorhanden. Die Antenne war ein ca. 30 m hoher GFK Mast mit einem 16 mm² Innenleiter und einem umfangreichen Erdnetz. Von dem Mast war zwar eine der oberen Abspannungen gerissen und er hatte dadurch rein mechanisch eine „Stehwelle“, was aber seiner Wirkungsweise keinerlei Abbruch tat. Mit einer Sondergenehmigung vom Wasser- und Schifffahrtsamt, die mir Gregor besorgt hat, durfte ich in die Dünen fahren und dort stehen bleiben. Atom-Willy hatte seine Beziehungen zu den Stadtwerken spielen lassen um den dort noch vorhandene Stromanschluss dafür zu reaktivieren. So saß ich in meinem Wohnmobil, warm und trocken, mutterseelenalleine, mit Meerblick in den Dünen, wo man eigentlich nicht mal herlaufen soll. Dort hatte ich Strom für den TRX, eine PA und eine sehr brauchbare Groundplane. Ich habe den Mast für das 80 und 40-m-Band benutzt und sehr gute Rapporte damit erzielt. Das war für mich ein Highlight im Amateurfunkleben, was man auch nicht alle Tage geboten bekommt.

Wenn ich heute auf Borkum bin und dort vorbeikomme suche ich immer nach dem Betonfundament was noch übriggeblieben ist. Dieses Jahr konnte ich es nicht mehr finden. Nach der Sturmflut im Frühjahr hat sich da draußen einiges verändert.

li.: Willy, DL1BY
li.: Willy, DL1BY

Der IMD 2000. Eine große Aktion war die 100-Jahr-Feier der Küstenfunkstelle KBM, die 2000 mit dem IMD zusammengelegt wurde. Dazu kamen viel Borkumer und Norddeutsche Prominenz und viele Größen aus Funk- und Amateurfunk. Es waren auch ehemalige Funkoffiziere in Uniform dabei die und QSL-Karten verkauften, deren Erlös einem guten Zweck zukam. Dazu wurde auf der Straße vor dem Elektrischen Leuchtturm eine Gedenktafel eingeweiht und die erforderlichen und unvermeidlichen Reden dazu gehalten.

Anschließend spielte die Borkumer Jazz Band. Auch das war Bemerkenswert, da die älteren Jungs eine passable Show und klasse Musik machten.

Das Besondere für mich an diesem Tag waren aber nicht die Feierlichkeiten und die Prominenz, sondern der Funkbetrieb den wir dazu vorführten konnten und durften. Das war schon etwas Besonderes. Wir hatten von der RegTP eine „Demonstrationsfunk-Genehmigung mit Außenwirkung“, sowie die Genehmigung der Amerikanischen „Federal Communication Commission“ um einen alten Löschfunkensender auf dem 160-m-Band mit dem alten Rufzeichen KBM zu betreiben.

Der alte Löschfunkensender, den uns Wolfgang, DK7XN, geliehen hat und den wir dafür benutzt haben, war ehemals als Notfunksender auf dem Rettungsboot eines Passagierschiffes für die Frequenz von 519 kHz im Einsatz. Diese Sender wurde von uns auf das 1,8 Mhz-Band umgestimmt/umgebaut, was alleine für sich schon ein Abenteuer war. Wer weiß denn überhaupt noch wie ein Löschfunkensender funktioniert? Eigentlich sind es nur 7 Bauteile. Die Beschreibung im Abnahmeprotokoll des Senders lag uns vor: „Gnistersender Nr. 1890, Typ 0,25 kW“. Bei 600 Watt Leistungsaufnahme aus einer 30V Batterie sollten 250 Watt HF erzeugt werden. Damit war ja alles klar! Oder etwa nicht? Wir haben es irgendwann/irgendwie hinbekommen, aber das ist eine eigene, längere Geschichte.

Neben der Technik war auch die Betriebstechnik eine Herausforderung und brauchte einige Updates ehe sie zufriedenstellend funktionierte. Wir haben mit dem Löschfunkensender unter dem Rufzeichen „KBM“ auf 160-m unseren Text gesendet und mit dem Rufzeichen DQ0KBM auf 80-m einen Bestätigungsverkehr eingerichtet. Der Sender stand in der ersten Etage vom Leuchtturm und wurde von einem Umformer daneben mit Spannung versorgt. Alleine schon diese Konstellation sorgte für erhebliches QRM. Bei jedem Tasten brach dann noch die Spannung ein und der Umformer ging in die Knie, was einen eher kontraproduktiven Mithörton ergab. Auch beim Betätigen der alten Handtaste war Vorsicht geboten, weil der isolierte Teil des Tasthebels unter Spannung stand. Dazu kamen noch viele Besucher die sich durch den Leuchtturm schoben und QRM Quadrat erzeugten. Alles im allem stieg so der Puls auf gefühlte 150 und sorgte für einige Schweißausbrüche. Wer ist schon der coole Schiffsfunker der ungerührt bis zum Untergang einfach weiter SOS morst. Trotz, oder gerade wegen all diese Stolpersteine war auch dieser IMD ein herausragendes Erlebnis.

Highlight hin oder her. Bis aus zwei oder drei Ausfälle, zuletzt auch Corona bedingt, wurde der IMD auf Borkum jedes Jahr eisern zelebriert. Die Zeit hat sich davon allerdings nicht beeinflussen lassen und ist darüber hinweg gegangen. Die Gruppe der Aktiven ist kleiner geworden und hat sich­­­­­ ­­­­­­­verändert. So sind die Aktivitäten zum IMD auf Borkum langsam überschaubarer und ruhiger geworden. Ging es früher in erster Linie darum Technik und Betriebstechnik vorzuführen, zu optimieren und Möglichkeiten zu nutzen, die sich zuhause nicht so bieten, geht es heute eher ums Zwischenmenschliche. Dreh- und Angelpunkt ist weiterhin der IMD und es wird natürlich auch gefunkt um das IMD Rufzeichen für Diplomjäger anzubieten. Aber geht beschaulich zu, es wird nicht nur gefunkt, es wird gelebt und die Insel und die Seeluft genossen.

Nachdem Gregor in den Unruhestand gewechselt hat, lebt er fest auf Borkum hat aber keinen direkten Draht mehr zum Wasser- und Schifffahrsamt. Auch dadurch ist die Option zur Nutzung des WSA-Betriebsgeländes, seiner Räumlichkeiten und des Elektrischen Leuchtturms für uns weggefallen. Seitdem haben wir verschiedene Lokalitäten mit unterschiedlichsten Qualitäten genutzt und waren überwiegend nur noch von einem Standort von der Insel aus QRV. Seit einiger Zeit hat sich der „Alte Leuchtturm“ dafür etabliert.

Der Turm mit 40 m Höhe ist eine gute Plattform für eine UKW-GP oder Yagi und für KW-Antennen. Das benachbarten „Törn Huus“ bietet Platz für eine UKW- und eine KW-Station. Haus und Turm werden vom Heimatverein Borkum betreut und wir sind dort willkommen. Beim letzten Sturm ist leider die Dachabdeckung beschädigt worden und die Spitze des Turmes ist zurzeit nicht mehr zugänglich. Wir konnten dieses Jahr nur noch die obere Etage einer auf der Nordseite, außen angebrachten Feuerleiter nutzen, was für die beiden KW-Dipole keinen Einschränkung war, aber die Reichweite der UKW-Station doch arg beeinträchtigte.

Neben der standortbedingten Einschränkung gab es dieses Jahr auch logistische Hürden zu umschiffen. Einer unserer Mitstreiter wollte die gesamte Funkausrüstung mit dem Auto auf die Insel bringen, ist aber wegen starker Magen/Darm-Probleme kurzfristig ausgefallen. So haben wir Freitag erfahren, dass das avisierte Equipment nicht auf die Insel bekommen. Es war leider auch schon zu spät um selbst noch einmal aufs Festland zu fahren und die Dinge zu holen. Fahrten mit der Fähre sind für Fußgänger immer möglich, aber Überfahrten mit dem Auto müssen, vor allem in den Ferien und an den Wochenenden überwiegend vorzeitig gebucht werden. UKW-OP Hayo konnte sich noch für 10 Euro Aufpreis mit einer Rolle Koaxkabel und einer UKW-GP unterm Arm auf den Kat der AG-Ems-Fährlinie drängeln, aber viel mehr war vom Festland nicht zu bekommen. Einfaches RG58, eine Rolle Draht nebst Abspannmaterial und ein TenTec Scout mit drei Bandmodulen konnten wir auf der Insel auftreiben und so waren wir immerhin, wie vorgesehen qrv. Auf Kurzwelle zwar nur mit kleiner Leistung, nur in CW und der TenTec Scout funktionierte auch nur mit Einschränkungen, aber immerhin. In der Summe all dieser Komplikationen konnten wir in diesem Jahr einen neuen Rekord in unserer QSO-Statistik aufstellen. Auch wenn es ein Negativrekord ist, wir waren dabei.

Wie überall gilt, nach dem IMD ist vor dem IMD. Neue Anregungen, Konzepte und Ideen für 2023 gibt es schon und wir wollen natürlich wieder dabei sein.

Klaus, DF3GL