RHYTHM IS IT!

Morsen ist Musik. Jedenfalls sagen das viele Telegrafisten. Die Melodien sind ja eher trivial, aber der Rhythmus machts. Und Musik fördert kognitive Kompetenzen. Das scheint erwiesen. Also: ran an die Taste, lass die Musik raus!

Musik und Morsen haben viel miteinander zu tun. Unter Musikern gibt es viele Telegrafisten. In ihren Musikstudios haben Funker oft Spuren hinterlassen. Vor allem wenn nach einem passenden Rhythmus gesucht wurde. - Beispiele gefällig?

THE ALAN PARSONS PROJECT, "LUCIFER". Gleich zu Beginn drei überlagernde Morsesendungen. " VVV de 6WW ", Rufzeichen einer Küstenfunkstelle aus dem Senegal. Dazu Stücke eines Textes: " ..european .. and marches by millions in .. gyptian .. ". Und der Keyboard-Rhythmus "dit didididah dit". Das ist der CD-Titel des Albums - "EVE". Lucifer ist der erste Titel des Albums.

Wer lieber andere Mucke mag: Vladimir Ussachevsky (1911 - 1990), "Wireless Fantasy" - Musikstück mit Radio-Geräuschen. Morsezeichen, Fernschreiber, Löschfunkensender. "Lee De Forest" klingt als Morsezeichen in einem kurzen Musikausschnitt unterlegt von Wagners Parsifal. Mit QST geht das Stück los und am Ende ar gn (Spruch-Ende, gute Nacht). Anhören->

Zu modern? Na ja. Vielleicht nicht Jedermanns Musik. Dann diese vielleicht:

Lady Gaga: Morsecode im Bild bei Zeitmarke 1:20.  Video->

Es gibt zahlreiche Musikbeispiele, in denen Morsezeichen verwendet werden. Dazu hat Ludwig (DK5KE) eine ganze Seite zusammengestellt. - Aber nicht nur der Rhythmus macht die Musik. Wir können ja auch mit der Tonhöhe spielen. Unsere Funkapparate lassen genug Spielraum zum Experimentieren.

In der Tabelle findet man die deutsche und englische Bezeichnung für den Ton und die Frequenz in Hertz. Gängige CW-Tonhöhen liegen zwischen dem hohen d'' und dem hohen g''. Also grob zwischen 600 und 800 Hertz. Und bei wem der Tinnitus lauert ab 800 Hertz, der soll seine Melodie spielen auf d'', cis'' oder gar auf dem c''. Das klingt stressfrei und gemütlich.

Tonarten rufen unterschiedliche Stimmungen hervor. Komponisten kennen den Quintenzirkel und nutzen das Phänomen. Wer diese Feinheiten hören kann, hat viel Genuss an Musik. Durch Dreh am Pitchregler und Wahl der Tonhöhe kann sich der Operator dann in die passende QSO-Stimmung versetzen.

In den Notenblättern stehen aber nicht nur Noten. Wer genau hinschaut, findet eine Fülle von zusätzlichen Zeichen, die angeben, wie gespielt werden soll. Einige "Geheimzeichen" enthalten die Vortragsanweisung. Zum Beispiel p heißt piano (leise) und pp pianissimo (sehr leise). Wie bei QRP und QRPP. Ist doch klar. - Wir kennen auch unterschiedliche Tempi. Manch einer funkt andante lento, ein anderer lieber vivace. Contest ist oft gehalten in einem dauerhaften presto und manche machen ihr Schwätzchen sogar im lockeren prestissimo. Wir hören Morsemusik gern als legato bisweilen auch marcato und (gottseidank nur selten) stakkato. Wie es gefällt. Und jeder klingt ein bisschen anders. Das ist gut so. Doch eins gehört einfach zum guten Ton beim Morsen: colla parte. Das Tempo orientiert sich an einem der Musiker. Und zwar am langsameren.

Wer den folgenden Song ein paar Mal in der Badewanne schmettert, hat die Zeichen bald drauf.

War Beethoven eigentlich Funkamateur?

Kennt ihr Phil Tulga? Nein, ist kein Funkamateur. Aber vielleicht kommts noch. Phil ist Musikprofi, lebt in Sacramento und hat schon mit Ray Charles und Ella Fitzgerald musiziert. Phil arbeitet mit Grundschulkindern. Auch musikalisch. Er hat eine Maschine gebaut für Morse Code Music. Dabei werden Rhythmus, Sprache und Morsezeichen miteinander kombiniert. Viel Spaß beim Ausprobieren:
http://www.philtulga.com/morse.html

"Morse code through the air like a song", so hat es Jim, WA1BTY (sk) etwas pathetisch in einem kleinen Gedicht beschrieben. Jim hat die Fackel längst weitergeben müssen. Er kann in Frieden ruhen. Morsen lebt. Jim schreibt in seinen letzten Zeilen:

To carry the torch,
Long after we're gone,
To send Morse code
Through the air like a song.
When at last,
Silent keys pull that lever,
We can rest in peace,
It's CW forever.

Manchmal hören wir auf den Bändern auch Tastklicks, Chirps und verbrummte oder zwitschernede Töne. Damit könnte man glatt ein weiteres musikalisches Kapitel gestalten. Aber solche Klänge sind bei Telegrafisten eigentlich nicht erwünscht. Wilhelm Busch hat mal aufgeschrieben: Musik wird oft nicht schön gefunden, weil stets sie mit Geräusch verbunden.

Wir wissen jetzt auf jeden Fall: Der Rhythmus machts. So ist das in der Musik. Und auch beim CW. Den Titel "RHYTHM IS IT!" verwenden wir hier in Anlehnung an den Titel eines interessanten Films:

Sir Simon Rattle, Royston Maldoom und die Berliner Philhamoniker erarbeiten einen Tanzperformance zu Sacre du Printemps. Igor Stravinski macht in seiner Musik das gesamte Sinfonie-Orchester zeitweise zu einem riesigen Schlagwerk. Beeindruckend. Die Akteure: 230 Kinder und Jugendliche. Sie kommen zum größten Teil aus schwierigen und kultur-fernen Verhältnissen. Keine Morsezeichen, aber der Film-Rhythmus lässt Telegrafisten-Herzen höher schlagen. - Sehenswert!

Lasst uns mal wieder in den CW-Bändern funken. Lasst die Taste musizieren.
Am besten allegro  (munter, heiter, fröhlich).